KOMMENTAR | Bildung statt Gebührenfreiheit für Deutschlands Kitas!

Immer mehr Bundesländer führen die Gebührenfreiheit von Kitas ein, zuletzt zum 1. August auch Berlin und Niedersachsen. Ein familienpolitischer Erfolg? Arbeitslose, geringverdienende oder alleinerziehende Eltern mit kleinen Kindern dürften erleichtert aufatmen. Die Maßnahme sollte für Entspannung in der Familienkasse sorgen. Das ist verständlich und tut Not, denn als Kind in einer armen Familie aufzuwachsen, schafft bildungs- und gesellschaftspolitische Fakten, die zu überwinden, nicht nur einem Menschen, sondern einer ganzen Gesellschaft viel Kraft kostet. Mangelnde Bildung und Teilhabe kann sich die Industrienation Deutschland indes weder heute noch künftig leisten. Gebührenfreie Kitas schaffen finanzielle Anreize, damit mehr Kinder die Bildung und Förderung erhalten, die manches Elternhaus nicht zu leisten vermag. Gut so! Klar ist auch: Das setzt starke Kitas voraus, die den Anspruch frühkindlicher Bildung wirklich ernstnehmen. Und auch die Familien der Mittelschicht und die der Besserverdienenden dürften sich ebenfalls freuen über die wahrlich nicht kleinliche Gabe. Kann dann der nächste Sommerurlaub vielleicht etwas größer ausfallen?

So sinnvoll die Gebührenfreiheit für arme Familien auch ist, so wenig entfaltet sie eine soziale Steuerungswirkung bei Familien der mittleren und oberen Einkommensschichten, also all jenen, die einen angemessenen Kitabeitrag zahlen könnten. Dass Paul und Emma durch die freigewordenen finanziellen Mittel ihrer Eltern mehr Bücher lesen, neben Klavier auch noch Bratsche lernen und monatlich in Theater oder Oper gehen werden, das darf man gerne glauben. Hängt aber nicht der Bildungserfolg, den Deutschland so sehr braucht, auch wesentlich an der Bildungsqualität von Kitas? Dazu Eltern beitragen zu lassen, die angemessene Kitabeiträge zahlen können, sozial gestaffelt, gerne mit Gebührenfreiheit für arme Familien, ist recht und billig. Angesichts der erschreckenden Zahl von 35.000 Lehrern, die bis 2025 an Deutschlands Grundschulen fehlen werden, ist die bildungspolitische Ertüchtigung von Kitas umso wichtiger – mit jedem Cent! Die dafür in Aussicht gestellten 5,5 Milliarden Euro sind zwar noch viel zu wenig, um Deutschlands Kitas auf ein florierendes Bildungsniveau zu heben. Allein, es ist ein Anfang, den viele Eltern – für ihre Kinder – sicher gerne unterstützen.

Stefan Becker
Präsident des Familienbundes der Katholiken